„Der Esel nennt sich immer zuerst“ – ein Spruch, der uns schon als Kinder eingebläut wurde, wenn wir in einem Satz zuerst „Ich“ sagten. Er klingt harmlos, fast niedlich. Doch bei genauerem Hinsehen steckt darin eine stille Botschaft: Bescheidenheit ist gut, sich selbst wichtig zu nehmen ist schlecht. Aber ist das wirklich so?
„Ich“ sagen dürfen- ohne schlechtes Gewissen
Natürlich ist Rücksichtnahme ein wertvoller Bestandteil zwischenmenschlicher Beziehungen. Niemand möchte mit einem Menschen zu tun haben, der sich ständig in den Mittelpunkt stellt. Aber: Die Grenze zwischen gesunder Rücksicht und Selbstverleugnung ist oft fließend.
Viele Menschen – besonders jene mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein oder einem Hang zur Selbstkritik – neigen dazu, sich selbst systematisch an zweite, dritte oder letzte Stelle zu setzen. Sie sagen Sätze wie: „Ich will nicht zur Last fallen.“ „Die anderen sind wichtiger.“ „Ich komme schon klar.“
Doch was passiert, wenn das zur Gewohnheit wird?
Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben
In der Psychotherapie begegnen mir häufig Menschen, die sich selbst kaum noch spüren, sich selbst nicht so wichtig nehmen oder nicht mal mehr wissen, wer sie eigentlich sind. Weil sie sich über Jahre hinweg für andere aufgeopfert haben. Sie haben Ihre Bedürfnisse unterdrückt, ihre Grenzen ignoriert – oft aus dem Wunsch heraus, geliebt, gebraucht oder nicht abgelehnt zu werden.
Dabei ist es kein Zeichen von Egoismus, sich selbst wichtig zu nehmen. Im Gegenteil: Wer sich selbst kennt, achtet und ernst nimmt, kann auch anderen aufrichtig begegnen – ohne sich zu verlieren.
Selbstfürsorge bedeutet nicht, dass man sich über andere stellt. Es bedeutet, dass man sich selbst als wichtig betrachtet. Dass man „Ich“ sagen darf, ohne sich dafür zu schämen.
Psychologische Perspektive: Warum das „Ich“ wichtig ist
Aus psychologischer Sicht ist ein stabiles Selbstwertgefühl essenziell für seelische Gesundheit. Wenn du Dich ständig zurück nimmst, läufst du Gefahr, in Erschöpfung, Depression oder innerer Leere zu geraten. Du funktionierst – aber wirst dabei immer unglücklicher..
Ein gesundes „Ich zuerst“ bedeutet:
- Eigene Bedürfnisse wahrnehmen und kommunizieren
- Grenzen setzen, ohne Schuldgefühle
- Sich selbst Raum geben, um zu wachsen
Ein neuer Umgang mit alten Sprüchen
Vielleicht ist es an der Zeit, den alten Spruch umzudeuten. Nicht als Mahnung zur Selbstverkleinerung, sondern als Einladung zur Selbstachtung. Denn wenn der Esel sich zuerst nennt, tut er das vielleicht nicht aus Unhöflichkeit – sondern aus kluger Selbstfürsorge.
Denn mal ganz ehrlich: Ein Esel ist ein kluges, sensibles Tier. Vielleicht nennt er sich zuerst, weil er weiß, dass er nur dann für andere da sein kann, wenn er selbst nicht auf der Strecke bleibt.
Wenn wir alle ein bisschen mehr Esel wären, würden wir vielleicht weniger ausbrennen und mehr bei uns selbst ankommen.

